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Evelyn Sperber

Gönnheimer Leben > Kultur aktuell > Künstler-Portraits Literatur > 

In meinem verwilderten
Kopf nistet
der Sommer
brütende Hitze
aus zerbrochener Schale
schlüpft gelbflaumige
Neugier unschuldig flatternd
mit unsicheren Flügeln
buntkopfige Kolibris drängen
hinaus fliegen mit dem Wind
ein Schwarm erwartungsvoller
Gedanken Wörter auf segelnden
Wolken in den Sand geschrieben
fortgespült von der Flut
ins unbekannte Erinnern
vergessenes Heute ein neuer
Morgen und immer wieder das
gleiche Spiel die aufgeplusterte
Glucke auf  zerbrechlicher Schale 
und so stirbt denn das
namenlose Ich
immer wieder
in der maßlosen Glut eines
übermüdeten Sommers

behutsam setze ich die Füße auf
leicht wie eine Feder nackt
und doch
krümmt sich die Straße
unter meinen Schritten
biegt sich nach rechts und
nach links eine Birke dort
an der scharfen Kurve das
gegabelte Ende
der Schnitt
in zwei Hälften
so beginnt
alles Irren
verzweigte Wege
Heimkehr und
Heimgang
verwechselt
am Scheideweg
verloren
die gekrümmte Straße
frierend 
ich
lege ihr
die Asphaltdecke
um die Schultern

"Geh mir aus den Augen!"

Aha, die Dame war mal wieder schlecht gelaunt. Das kam in letzter Zeit öfter vor. Warum, wußte Herr von Meyer nicht. Er hatte inzwischen nur begriffen, dass man der Dame in solchen Augenblicken am besten aus dem Weg ging.

"Verschwinde!"

Na gut. Herr von Meyer steuerte auf die Wohnzimmertür zu, um es sich auf  seinem Sessel gemütlich zu machen.

"Hast du nicht verstanden? Du sollst verschwinden!" Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu. So arg hatte sie es bisher noch nie getrieben.

"Raus!" Durch die geöffnete Haustür flüchtete die Kälte vom Hof ins Haus.

Herr von Meyer warf seiner Dame einen ungläubigen Blick zu. Es regnete und stürmte. Bei einem solchen Wetter jagte man keinen Hund vor die Tür, geschweige denn einen Kater. Unschlüssig blieb er stehen.

"Bist du taub?" Die Dame packte ihn unsanft am Genick und setzte ihn hinaus. Krachend fiel die Haustür ins Schloß. Herr von Meyer zuckte zusammen.

Was nun? Erst einmal ins Trockene. Sein Fell triefte schon von tausend Bindfäden. Auf dem Heuboden war er sicher. Während er seinen nassen Pelz leckte, dachte Herr von Meyer an den  kuscheligen Sessel im warmen Wohnzimmer. Er seufzte. Was war bloß mit der Dame los? Seit einiger Zeit bekam sie ständig solche Anwandlungen, die er sich nicht erklären konnte. Wegen jeder Kleinigkeit schimpfte sie mit ihm. Diesmal war es der verkrumpelte Läufer im Wohnzimmer gewesen, über den sie sich fürchterlich aufgeregt hatte. Sie habe keine Lust, pausenlos hinter ihm herzuräumen, hatte sie gesagt und war dann vollkommen aus der Haut gefahren, als sie im Läufer ein Fleischbröckchen fand, das Herr von Meyer sich dort für den Abend aufbewahrt hatte. "Du bist ein richtiges Schwein", hatte sie zu ihm gesagt und sehr wütend ausgesehen.

Herr von Meyer fror. Er hörte, wie die Haustür geöffnet wurde, und spitzte die Ohren. Gleich würde die Dame ihn rufen. Ihr tat es bestimmt schon leid, daß sie ihn so gemein behandelt hatte. In ihm breitete sich ein Gefühl glücklicher Erwartung aus.

Die Dame rief ihn nicht, sondern ging zum Hoftor und ließ jemanden eintreten. Der Mann war in letzter Zeit öfter zu Besuch gekommen. Die Dame schien ihn sehr zu mögen. Herr von Meyer konnte ihn nicht leiden. Anfangs hatte er zwar gute Miene zum bösen Spiel gemacht und sogar versucht, sich bei dem Eindringling einzuschmeicheln. Doch der hatte jeden seiner Annäherungsversuche brüsk unterbunden und Herrn von Meyer einmal sogar "Mistvieh" genannt. Die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Wenn der Mann bei seiner Dame im Wohnzimmer weilte, wurde der Kater ausgesperrt und mußte im Körbchen auf dem Flur schlafen. Na ja, unbequem war das ja auch nicht. Auf jeden Fall bequemer als seine derzeitige Schlafstatt. Herr von Meyer rollte sich zusammen und kuschelte sich so gut es ging ins Heu. Er sehnte sich nach seinem Sessel. Noch mehr sehnte er sich  nach den zärtlichen Händen seiner Dame. Wie oft hatte sie ihn hinter den Ohren und am Kinn gestreichelt. Wahrscheinlich streichelte sie jetzt diesen unangenehmen Menschen. Herr von Meyer konnte ihn deutlich schnurren hören. Oh, wie er diesen Mann verabscheute. Seit er aufgetaucht war, hatte sich seine Dame verändert. Sanft war sie gewesen und liebevoll. Und jetzt  war sie oft mißgestimmt. Herr von Meyer litt darunter. Hunger hatte er auch.

Ein furchtbarer Gedanke durchfuhr den Kater. Was, wenn dieser Mensch die Dame mit seiner Antipathie gegen Katzen angesteckt hatte?  Das hätte ihr verändertes Verhalten erklärt. Der Kater stellte sich vor, daß er künftig immer draußen im Heu schlafen und sich von Mäusen und Ratten ernähren mußte. Er schüttelte sich. Ratten und Mäuse gehörten nicht zu seinen Lieblingsgerichten. Er bevorzugte saftige Fleischbrocken aus der Dose. Aber seine Dame verschmähte Ratten und Mäuse nicht. Im Gegenteil. Herr von Meyer erinnerte sich daran, wie sehr sie ihn immer gelobt hatte, wenn er ihr seine frische Jagdbeute vor die Füße legte. Gelobt und gestreichelt hatte sie ihn. Oh, wie sehr er sich nach ihrer Zärtlichkeit sehnte. Plötzlich wußte er, wie er seine Dame zurückgewinnen konnte.

Herr von Meyer streckte sich, machte einen kräftigen runden Buckel, streckte sich noch einmal und begab sich auf die Jagd. Er kannte sich aus in seinem Revier und hatte in kurzer Zeit sechs Mäuse gefangen. Fein säuberlich legte er sie seiner Dame vor die Haustür. Ratten gab es hier auf dem Hof nicht. Da mußte er ein paar Schritte weiter zum Bach laufen. Es regnete immer noch, aber Herr von Meyer spürte nichts davon. Er spürte nur das Jagdfieber. Eine Stunde später lagen außer den Mäusen drei wunderschöne große Ratten vor der Tür. Mehr konnte er im Augenblick nicht tun. Deshalb kletterte er erst einmal wieder auf den Heuboden, leckte sein Fell trocken und legte sich schlafen.

Ein markerschütternder Schrei weckte Herrn von Meyer aus seinen Katzenträumen. Im Nu war er hellwach. Vom Heuboden beobachtete er, wie der verhaßte Mensch wild fluchend vor der Haustür seiner Dame hin- und hersprang. "Blödes Katzenvieh! Ekelhaftes Miststück!" brüllte er.

Die Dame versuchte, ihn zu besänftigen. "Der Kater wollte dich bestimmt nicht ärgern. So etwas tun Tiere nicht. Er wollte uns eine Freude machen, das ist alles", sagte sie und lächelte.

"Du brauchst gar nicht so blöd zu grinsen. Ich weiß ja, daß du mit deinem Kater verheiratet bist", knurrte der Mann sie an.

"Quatsch. Aber im Gegensatz zu dir mag ich Katzen. Und mein Herr von Meyer ist ein ganz besonderer Kater."

"Du machst dich mit deiner Katzenliebe lächerlich", sagte er und stieß angewidert eine Ratte mit dem Fuß zur Seite.

"Nun sei doch nicht so ärgerlich. Herr von Meyer hat uns auf seine Art seine Sympathie gezeigt", sagte sie und legte dem Mann die Hand auf den Arm.

Er stieß sie wütend von sich. "Du mußt dich entscheiden. Entweder der Kater oder ich", schnauzte er sie an.

Herr von Meyer hielt die Luft an. Instinktiv spürte er, daß genau in diesem Moment die Würfel über sein Schicksal fielen. Genau in diesem Moment würde sich entscheiden, ob er künftig auf seinem geliebten Sessel oder im Heu schlafen mußte. Er fühlte sein Herz klopfen und spannte alle Muskeln an. Was würde seine Dame tun?

Sie hatte aufgehört zu lächeln.

"Entweder der Kater oder ich", wiederholte der Mann und kickte eine zweite Ratte über den Hof.

Die Dame ging zum Hoftor. Sie sagte nichts. Sie öffnete das Tor.

Der Mann zögerte einen Augenblick. Dann ging er hinaus. Nicht einmal ein Küßchen gab er ihr zum Abschied.

Sie drehte sich um und rief leise "Herr von Meyer!" Ein bißchen traurig klang das, aber auch sehr zärtlich. So zärtlich, daß Herr von Meyer schon zu schnurren anfing, als er vom Heuboden hinunterkletterte.

Am Abend lag er auf ihrem Schoß. "Ein bißchen zusammenpassen muß man schon", sagte sie und kraulte sein seidiges Fell.

* * *

 

("Sehnsucht nach Zärtlichkeit" ist meine erste in einer Anthologie veröffentlichte Geschichte, sie erschien in dem Buch "Mit Katzenzungen" beim  Milena-Verlag in Wien)

 
Redaktion - 67161 Gönnheim